Lukrez: „de rerum natura“

In seinem Werk „de rerum natura“ entwickelt Lukrez eine Theorie, welche im Wesentlichen darauf basiert, den wahrnehmbaren Dingen kleinste Atome zuzuschreiben (Z. 1,485). Das Ziel seiner Theorie ist die Entmystifizierung von Naturphänomenen. Die Menschen sollen Erscheinungen nicht mit Hilfe von Göttern erklären, sondern sie sollen den wahren Grund suchen. Denn mit dieser Erkenntnis würden sie sehen, dass die Dinge ohne Zutun von Göttern geschehen. Somit müssten sie die Götter nicht fürchten und ihnen Opfern darbringen. Ebenso soll seine Theorie die Furcht vor dem Tod nehmen.

Die ersten beiden Bücher handeln von den Grundprinzipien der Lehre von den Atomen. Nach Lukrez sind diese Atome ewig, unzerstörbar und unsichtbar (Z. 1,538ff). Sie bilden die Grundlage aller sichtbaren Dinge. Aber in den wahrnehmbaren Dingen ist als Grundbestandteil neben den Atomen auch die Leere enthalten (Z. 1,329; 1,420). Denn Lukrez erkennt, dass Bewegung nur dann entstehen kann, wenn neben den Atomen auch die Leere existiert.

Die Dinge unterscheiden sich von den Atomen darin, dass sie teilbar und zerstörbar sind. Daher sind sie auch nicht ewig und haben ein natürliches Ende. Die Dinge lösen sich aber nicht gänzlich auf, sondern trennen sich in ihren Bestandteile, den Atomen, auf (Z. 1,215). Eine weitere wichtige Grundannahme für Lukrez ist: „kein Ding entsteht aus Nichts auf göttliche Weise“ (Z. 1,150).

Während Lukrez im ersten Buch die Existenz und Unvergänglichkeit der Atome und der Leere und die Verbindung einzelner Atome und Leere erläutert, widmet er sich im zweiten Buch der Gestalt und den Eigenschaften der Atome sowie deren Bewegung.

Für die Entstehung der Welt ist die Bewegung der Atome entscheidend. Die Atome befinden sich in einem immer währenden Fall (Z. 2,90) und weichen ein wenig vom senkrechten Fall ab. Denn nur so kann es zu Begegnungen von Atomen und ihre daraus entstehenden Verbindungen kommen (Z. 2,100).

Die Atome haben eine begrenzte Anzahl von Gestaltsformen (Z. 2,479ff), aber von jeder Gestalt gibt es unzählige Atome (Z. 339). Sie haben z.B. entweder eine runde, glatte, spitze oder eine mit Haken versehene Gestalt. Die Gestalt der Atome gibt den Dingen ihre Eigenschaft, die wir dann mit unseren Sinnesorganen wahrnehmen können (Z. 2,384 ff).

Die Atome sind farb- (Z. 2,735), geruch- und geschmacklos (Z. 2,844). Auch vermitteln die Atome kein Wärme- und Kältegefühl oder sonstige Empfindungen (Z. 2,865ff). Lukrez schreibt diesen Eigenschaften Vergänglichkeit zu, und sie sind damit für ihn nicht in Einklang mit den unvergänglichen Atomen zu bringen.

Im dritten Buch wendet sich Lukrez nun dem Menschen im Besonderen zu. Durch die Betonung der Sterblichkeit der Seele will er den Menschen die Angst auf das, was nach dem Tod kommt, nehmen.(siehe dazu 4.)

Das vierte Buch schließt sich inhaltlich dem dritten Buch an. Hier finden sich die Erläuterungen zur Wahrnehmungslehre oder anders: Lukrez versucht anhand von Beispielen die Tätigkeit der Seele zu erklären. Die Seele, die für ihn aus den feinsten Atomen besteht, ermöglicht die Sinneswahrnehmungen. Dinge, so Lukrez, sondern feine Häutchen oder Abbilder von ihrer Oberfläche ab (Z. 4,31). Diese Abbilder treffen auf unsere Sinnesorgane und vermitteln diesen dann die Eigenschaften von z.B. Geruch, Farbe und Geschmack. Diese Sinne können niemals getäuscht werden, lediglich unser Geist kann die ihm vermittelten Eindrücke fehlerhaft interpretieren (Z. 4,384ff).

In dem fünften und sechsten Buch wendet sich Lukrez der empirischen Welt zu. Er entwickelt eine Theorie zur Entstehung und Entwicklung der Erde. Demnach ist die Erde aus einer formlosen Masse von Atomen entstanden (Z. 5,435), die durch Auftrennung von den Verbindungen den Himmel und das Meer und den Äther und die Erde voneinander abgrenzten (Z. 5,440). Dem folgt die Kulturentwicklung des Menschen. Hierbei zeigt Lukrez eine fortschreitende Entwicklung auf, die zu einer ständigen Verbesserung des Lebens geführt hat (Z. 5,925ff).

Im abschließenden sechsten Buch bezieht Lukrez seine Atomlehre auf Naturphänomene. Sein Ziel ist es, auch hier den Aberglauben der Menschen aufzuzeigen. Denn wenn der Mensch seine Irrlehre erkennt, und Geschehnisse aus der Natur für ihn erklärbar werden, entfällt die Funktion der Götter für diese Phänomene und damit auch die Furcht vor den Göttern (Z. 6,54). Diese Entthronisierung der Götter hatte Lukrez schon im ersten Buch als seine Intention genannt.