Die Sterblichkeit der Seele

Lukrez Versuch, die Sterblichkeit der Seele zu beweisen, ist in seiner Argumentationsstruktur nicht vollständig nachzuvollziehen. Argumente gar, die als Annahme haben, dass die Seele aus den kleinsten Atomen besteht, müssen unweigerlich zum Schluss der Sterblichkeit der Seele führen. Denn in der von Lukrez vorgestellten Atomistik beruht alles auf der Vorstellung, dass Dinge aus Atomen bestehen, in die sie sich nach ihrer Zerstörung wieder aufteilen. Somit sind Dinge per Definition sterblich. Wenn Lukrez somit die Seele als ein Ding auffasst, läuft aber das gesamte Argument ins Leere, denn ein Ding ist immer sterblich. Es scheint hier vielversprechender zu sein, die Gründe für seine Annahme zu suchen, die Seele bestehe aus mehreren Atomen.

Lukrez führt hierfür empirische Beweise an und sie gelten für ihn als „einziges Kriterium der Wahrheit“, die aber eine ganz entscheidene Annahme wieder voranstellen: die Seele ist gleich dem Geist. Von daher überträgt er die beobachteten Erfahrungen, die den Geist betreffen auf die Seele. Somit sind Argumente, die als Prämissen eine beobachtete Zunahme oder Abnahme nennen, z.B. der Geist wächst und leidet mit dem Körper, Krankheiten belasten den Geist, der Geist kann mittels Medikamente angeregt werden, schwer zu widerlegen, aber nicht unmöglich. Als Beispiel soll nur eines genannt werden, Abtrennungen von Gliedmaßen führen zwar im Moment der Trennung vom Körper zu einer Minderung des Geistes. Aber während die Abtrennung fortbesteht, löst sich die Beeinträchtigung des Geistes wieder auf. Nach Lukrez müßte aber auch die Schwächung des Geistes von Dauer sein.

Entschiedener muss sich daher der Grundannahme zugewendet werden: der Geist ist der Seele gleichzusetzen. Laut Gregor Maurach ist der Geist (animus) für den Römer immer das Ermöglichende und vor allen Dingen ist der Animus „ein Ineinander von Wille und Einsicht.“ Für Lukrez ist dieser animus verbunden mit dem anima. Dieses anima ist über den ganzen Körper verteilt, während der animus der Brust inne ist. Beide können ohne den anderen Teil nicht sein. Das Problem, welches hier besonders auftritt, ist die fehlende Differenzierung von Lukrez. Aus Sicht des christlichen Denkens gibt es eine Unterscheidung von Geist, Seele und Leben. Lukrez grenzt diese einzelnen Begriffe aber nicht voneinander ab. Beständig sind sie miteinander verwoben. So das sich letztlich seine Seele zusammensetzt aus drei Naturen und der vierten Natur: die Seele. „Die vierte Natur ist dabei wie das Leben für den Körper, so daß Leben für das Leben, die anima animae.“ Aus dieser ständigen Gleichsetzung heraus, entwickelt er also seine Theorie. Seine Seele ist somit: Geist, Leben, Vernunft, Gefühl, Einsicht, Erkenntnis, Körper, Wille, Wahrnehmung und zu guter Letzt auch immer Seele.

Eine weitere Annahme von Lukrez, um die Sterblichkeit der Seele aufzuzeigen, ist die Überlegung, der gesamte Körper sei von der Seele durchdrungen. Die Vorstellung von der Seele, die den Körper zusammenhält war nicht nur bei den Epikureern vertreten, sondern war zu der Zeit auch bei den Stoikern verbreitet. Die Beweise, die aber Lukrez zu dieser Meinung geführt haben, sind nicht sehr überzeugend, sei es, dass der Körper im Tode die Seele aus allen Poren ausscheidet oder das abgetrennte Gliedmaßen eine Zeit lang zucken. Nehmen wir die Annahmen aber als wahr an, dann muss der Sterblichkeit der Seele zugestimmt werden. Denn von der Seele werden dann ja einzelne Teile abgetrennt. Dieses ist aber das untrügliche Zeichen für die Sterblichkeit.

Abschließend bleibt festzustellen, dass Lukrez die Sterblichkeit der Seele durch die Hinzunahme der oben genannten zwei Annahmen zu beweisen versucht. Diese Prämissen sind an Hand des Lehrgedichtes nicht ohne weiteres auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Es kann aber gesagt werden, dass die Überlegungen, die Lukrez zu diesen Annahmen geführt haben, leicht als falsch zu beweisen sind. Sei es, dass das Zucken der abgetrennten Gliedmaßen mit den letzten Muskelzuckungen zu erklären ist, oder sei es, dass in einem geistlosen oder geistesschwachen Körper nicht weniger Leben als in einem hohen Philosophen steckt.

So bleibt also die Frage nach der Sterblichkeit der Seele zum einen unbeantwortet. Zum anderen wiederum auch nicht, wobei, auch wenn Lukrez die Antwort selbst gibt, sie nicht der Intention des Dichters entspricht. Denn er selbst hat beim Aufbau der Seele von dem ominösen vierten Teil der Seele gesprochen, ohne den die Seele nur ein warmer Windhauch wäre. Lukrez nennt diesen vierten Grundstoff: die Seele der Seele. Er erkennt also einen Urkörper an, der Seele heißt. Atome sind aber unsterblich und somit auch das eine Atom, das sich Seele nennt.