Das dritte Buch aus dem Werk „de rerum natura“

Das dritte Buch von Lukrez behandelt nach dem vorgestellten Proömium den Gegenstand der Seele in drei Hauptteilen. Nach der Erklärung über die Natur und den Aufbau der Seele folgt der Beweis für ihre Sterblichkeit. Daraus resultiert dann der letzte Teil des Buches: der Tod ginge die Menschen nichts an, von daher müssten sie ihn auch nicht fürchten.

Im Proömium wird Epikur als „Entdecker der Wahrheit“ (Z. 3,9) gepriesen. Diese Wahrheit nimmt nach Lukrez der Seele den Schrecken und gibt ihr den Frieden schon zu Lebzeiten. Denn es bräuchte nicht der Archeron, also die Unterwelt oder noch anders formuliert, ein Weiterexistieren nach dem Tode befürchtet werden. Denn diese Furcht ist für das Leben schädlich, denn viele menschliche Handlungen basieren auf diese Sorge, ob es nun Totenopfer oder gar Totschlag, Habsucht oder Heuchelei ist.

Nun beginnt der erste Teil der Haupthandlung: Die Natur und der Bau der Seele.

Lukrez führt auch sogleich in die wichtigsten Thesen seiner Seele ein (Z. 3,95ff):

die Seele bildet mit dem Geist einen Teil des Menschen
die Seele ist ein Teil des ganzen Lebewesens, wie auch die Augen oder Hände
die Seele ist im ganzen Körper

Die Körperlichkeit der Seele und des Geistes sieht Lukrez in seinen Bewegungsgesetzen begründet, die eine Bewegung von Körpern nur durch andere Körper zulässt. So kann denn auch die Mimik des Gesichtes, die ja ohne äußere Berührung vonstattengeht, sich nur so erklären, dass die Seele von innen sie bewegt (Z. 3,165ff).

Der Körper der Seele lässt auf so schnelle Weise die Dinge geschehen, wie es sich der Geist vorstellt. Dieses ist aber nur möglich, wenn die Seele aus ganz kleinen, feinen und runden Atomen besteht. In Analogie sieht Lukrez das Wasser, welches sich für ihn ebenso aus runden und kleinen Körpern bildet. Und daher leicht in Bewegung zu setzen ist (Z. 3,180ff).

Die Seele ist aus den drei Elementen Hitze, Luft und Wind zusammengesetzt. Für das entscheidende vierte Element hat Lukrez keinen Namen, er nennt es die Seele der Seele. Dass der Seele Hitze beigemischt ist, findet sich in dem Umstand des Verlustes der Körperwärme beim Eintritt des Todes. Wärme ist aber ohne Luft für Lukrez nicht vorstellbar. So scheidet der Sterbende mit einem warmen Lufthauch seine Seele aus. Diese drei Dinge können jedoch nicht alleine die Empfindungen hervorrufen, „also muss ihnen noch eine vierte hinzugefügt werden“ (Z. 3,241).

Das vierte Element hat folgende Eigenschaften:

es ist namenlos
es gibt nichts beweglicheres, nichts zarteres, nichts das kleiner und glatter ist
es ist für die Empfindung erzeugenden Bewegungen verantwortlich

Bevor er nun die Sterblichkeit der Seele erläutert, zeigt er die Verbundenheit von Körper und Seele auf. Schon mit Beginn der Geburt ist die Seele eng mit dem Körper verflochten. Und nach dem Tod verliert der Körper jede Art von Empfindung und vergeht schließlich. Für Lukrez der Beweis, dass weder der Körper noch die Seele ohne den anderen existieren können.

Lukrez vergleicht die Seele mit dem Rauch von Feuer, der sich in der Luft auflöst. Die Atome der Seele sind aber die kleinsten Atome, viel kleiner als die vom Rauch. Wenn also der Körper durch einen Schlag erschüttert wird und der Körper die Seele nicht mehr zusammenhalten kann, wie sollte dann die Luft, die ungleich schwächer ist als ein Menschenkörper es schaffen, die Seele vor ihrem Ende zu bewahren. Und wie Rauch wird die Seele sich von der Kraft des Windes bedrängt in der Luft auflösen (Z. 3,425ff).

Diesem Ende steht aber ihre Geburt voran. Wenn der Geist mit der Seele gleichzusetzen ist, muss auf die Seele das Gleiche zutreffen, was am Geist erkannt werden kann. Der Geist entsteht mit dem Körper und wächst mit ihm, d.h. ein junger Körper verfügt über einen schwachen Geist, dessen Urteilskraft noch nicht vollständig ausgebildet ist. Erst der starke Körper verfügt über einen entwickelten Geist. Wenn aber das Alter auf den Körper wirkt, somit eine Kraft den Körper schwächt, wird auch der Geist wieder schwächer und verliert wieder seine Urteilskraft (Z. 3,445ff). Diese Idee von Kräften, die den Körper und gleichermaßen die Seele schwächen ist auch an verschiedenen Krankheiten zu beobachten. Auch hier wird der Körper geschwächt, und die Seele leidet mit. Aber wird der Körper wieder gesund, gewinnt auch der Geist seine vormalige Leistung zurück (Z. 3,460ff).

Eine weitere Kraft, die auf den Körper einwirkt, ist das Weinen. Auch hier leidet der ganze Körper, und mit ihm wird die Seele in Mitleidenschaft gezogen. Und diese Beeinträchtigung ist ein weiterer Grund für die Sterblichkeit der Seele. Denn wenn die Seele von der Kraft des Weinens schon so stark erschüttert werden kann, was wird dann erst der Seele widerfahren, wenn sie auf eine noch viel mächtigere Kraft stößt. Für Lukrez bleibt nur die Antwort der Sterblichkeit der Seele (Z. 3,475ff). Und er greift seinen Anfangsgedanken nochmals auf, die Seele, die es nicht vermag sich gegen Krankheit zur Wehr setzen, wie sollte sie gegen die Kraft des Windes bestehen können, wenn sie sich vom Körper getrennt hat (Z. 3,490ff).

Weiterhin betrachtet Lukrez die Regeneration des Körpers und des Geistes durch Arzneimittel. Aber gerade dieses Wiederbeleben oder das Stärken nach der durch Krankheit hervorgerufenen Schwächung, steht im ärgsten Widerspruch zur Unsterblichkeit. Denn Veränderung ist immer der Tod von dem was vorher war (Z. 3,510ff).

Noch stärker tritt eine Veränderung der Seele ein, wenn einzelne Körperteile absterben und abgetrennt werden. Denn die Seele zieht sich nicht aus diesen Körperteilen zurück, sondern es werden mit den Körperteilen auch Seelenteile abgetrennt. Der Grund, warum die Seele sich nicht zurückzieht ist, dass es keine Stelle im oder am Körper gibt, wo die Seele sich anschließend konzentriert. Denn die Konzentration der Seele an einen bestimmten Ort im Körper müsste anhand von den starken Emotionen, die dort dann vorherrschen, als solche erkannt werden. Selbst wenn man annimmt, dass die Seele zieht sich immer weiter zurück wird sie dennoch im Tode des Körpers aus ihm ausscheiden, und dann das schon oben genannte Schicksal erleiden und sterben (Z. 3,526ff).

Für Lukrez ist der Geist eine Sinneswahrnehmung, wie z.B. die Augen oder die Ohren. Somit vergleicht er denn auch das Auflösen dieser abgetrennten Organe mit dem Sterben der Seele. So wie sie vergehen, wird auch die Seele vergehen, wenn sie abgetrennt vom Körper ist. Denn nicht nur, dass der Körper das Gefäß des Geistes ist, vielmehr ist der Geist mit dem Körper verflochten (Z. 3,526ff). Von daher kann auch der Körper ohne Seele nichts verrichten und die Seele ohne Körper. Auch hier zieht Lukrez das Beispiel mit einem anderen Sinnesorgan, dem Auge heran. So wenig das Auge etwas erkennen kann, wenn es aus dem Körper entfernt ist, so wenig kann der Körper noch etwas sehen (Z. 3,560ff).

Somit hält der Körper die Seele zusammen, denn die Atome der Seele sind mit den Adern und dem Fleisch vermischt und werden von den Sehnen und Knochen gehalten. Wenn sich also die Seele vom Körper trennt, wird, auch wenn sie der Kraft des Windes trotzen könnte, sie nicht in der Lage sein, sich in der Luft zu bewegen. Denn die Luft ist kein Körper und kein belebtes Wesen, sie kann die Seele somit nicht zusammen halten, und vor allem kann die Seele sich nicht in der Luft bewegen (Z. 3,565ff).

Um das Argument aufzugreifen, warum die Seele im ganzen Körper vertreten ist, führt Lukrez auf, dass beim Tode die Seele aus allen Poren den Körper verlässt. Gerade dieses ist als Zeichen dafür zu verwerten, wie eng Leib und Seele miteinander verbunden sind (Z. 3,580ff).

Oder auch das Beispiel von schnell abgehackten Gliedmaßen, z.B. in einer Schlacht oder dem Zertrennen einer Schlange soll zeigen, dass die Seele im ganzen Körper vorhanden ist. Denn die Erfahrung zeigt, dass sie sich noch einen kurzen Moment bewegen, wie könnten sie es, wenn doch keine Seele in ihnen wäre. Beim Abschlagen ist mit dem Körperteil also auch ein Teil der Seele mit abgetrennt worden. Dieses Abtrennen gibt es nur bei sterblichen Dingen.

Wenn man die unbestreitbare Tatsache des Sterbens des Körpers im Einklang zu bringen versucht mit der Unsterblichkeit der Seele, bliebe die Frage zu klären, warum denn die Seele, wenn sie merkt das ihr Gefäß stirbt, nicht mit einmal den Körper verlässt und sich einen gesunden neuen starken Körper sucht, sondern stattdessen mit dem Körper langsam schwächer wird (Z. 3,605ff).

Sowieso wirft diese Überlegung die grundlegende Frage auf, warum die Seele überhaupt in den Körper eindringt. Sind doch Körper einer Unmenge von Gefahren ausgesetzt, wie z.B. Krankheit, Kälte oder Hunger. Und da die Seele immer mit dem Körper leidet, ist die Akzeptanz für diese Leiden unverständlich, die die unsterbliche Seele mit dem Eindringen in den Körper auf sich nimmt (Z. 3,730ff).

Ein weiteres Argument gegen das Eindringen der Seele von außen in den Körper findet Lukrez in dem Umstand, dass dann die Verflechtung von Seele und Körper niemals so stark wäre, wie sich wahrnehmbar aber darstellt (Z. 3,740ff).

Aber auch die Seelenwanderung an sich ist nicht nachvollziehbar. Denn sollte die Seele eines Wolfes in die Seele eines Hirsches wandern, müsste sich der Charakter mischen. Die furchtsame Naturanlage des Hirschen bekäme mit der gefährlichen Seele des Wolfes einen vermischten Charakter, der mit der eigentlichen Art des Hirschen nicht mehr in Einklang zu bringen wäre (Z. 3,745ff). Vorstellbar wäre diese Seelenwanderung aber nur, wenn die Seele sich beim Eintreten in einen neuen Körper ändern würde. Gerade diese Änderung würde wieder nur die Sterblichkeit der Seele aufzeigen. Denn Änderung bedeutet immer den Tod von dem was vorher war (Z. 3,755ff). Analog dazu steht die Seelenwanderung von menschlichen Seelen in menschliche Körper (Z. 3,760ff).

Lukrez stellt nun weiter die Frage, warum die Seele im Tode des Körpers diesen verlässt, hat sie etwa Angst davor mit dem Körper zu sterben? Eine unvorstellbare Vorstellung für ein unsterbliches Wesen Angst vor dem Tod zu haben (Z. 3,775ff).

Nun wird Lukrez immer sarkastischer in seinen Überlegungen. Wenn die Seele bei der Geburt des Körpers in ihn eindringt, heißt dies, die Seele hat auf den Körper gewartet? Oder anders formuliert: ein unsterbliches Wesen wartet geduldig auf die Ankunft eines körperlichen Dinges. Für Lukrez geradezu eine lächerliche Vorstellung. Und weiter fragt er, ob es denn Verträge zwischen den Seelen gäbe, die verhandelten, welche Seele in welchen Körper treten darf. Denn ansonsten müsste es ja zu Streit kommen (Z. 3,780ff).

Damit ist für Lukrez die Beweisführung für die Sterblichkeit der Seele abgeschlossen. Er stellt nochmals fest: die Seele kann nicht ohne den Körper entstehen, da sie im Körper einen festen Platz hat (Z. 3,785ff). Auch gleicht es einer Verrücktheit anzunehmen, dass sich Unsterbliches mit Sterblichem vermischt, denn das Sterbliche muss mit dem Unsterblichen im Streit liegen (Z. 3,800ff). Wäre im Körper eine unsterbliche Seele, würde sie alle Schläge abwehren können, somit wäre auch der Körper unsterblich (Z. 3,810ff).

 

Auch wenn für Lukrez die Beweisführung der Sterblichkeit der Seele abgeschlossen ist, zeigt er auch auf, was gegen eine Vorexistenz der Seele spricht. Im Wesentlichen lassen sie sich aus den Argumenten für die Sterblichkeit der Seele herleiten.

die Seele kann sich an ihre vorherige Existenz nicht erinnern, somit hat sie sich also gewandelt (Z. 3,670ff).
die Seele wächst mit dem Körper, sie tritt also nicht ausgewachsen in den Körper (Z. 3,680ff).
die vorherige existente Seele kann sich nicht so stark mit dem Körper binden (Z. 3,685ff)
die Seele müsste sich über oder in den Körper ergießen, was sich aber ergießt, löst sich auf (Z. 3,700ff).